Leo Barth im Kampf um die journalistische Freiheit

Kommentar zum Buch: Leo Barth – Mannheimer Journalist zwischen den Weltkriegen

11.05.07

Ein Buch über die Mitglieder der eigenen Familie zu schreiben, ist für den Verfasser Herausforderung und Wagnis zugleich. Wer jedoch von der Vergangenheit nicht nur die Asche übernehmen will, muss sich prüfend der Lebensleistung seiner Vorfahren erinnern, deren Existenzkampf im Schatten einer erbarmungslosen Diktatur kein Kinodrama war.

In diesem Sinne war der Autor und Journalist Johannes Barth direkt motiviert, dem Goethe-Xenion zu folgen: „Vom Vater habe ich die Statur / Des Lebens ernstes Führen.“ Sein nun vorliegendes Buch über seinen Vater Leo Barth ist eine tief empfundene Reverenz vor der moralischen und politischen Standfestigkeit eines Mannes, der sich immer zu den idealistischen Zielen der Toleranz und Menschenrechte bekannte.

Wie viele junge Männer seines Alters musste der hoch dekorierte Frontoffizier Leo Barth nach Ende des Ersten Weltkrieges seinen Lebensweg neu justieren. Sein Wunschziel war die journalistische Mitarbeit in einer Zeitung. Dem Volontariat folgte rasch die Anstellung als Redakteur bei dem der Zentrumspartei nahe stehenden „Neuen Mannheimer Volksblatt“, dessen Chefredaktion er 1935 übernahm. Dem Kolumnisten Leo Barth ging schon damals der Ruf voraus, politische und kulturelle Probleme scharfsinnig und transparent zugleich zu kommentieren. Nach Aussagen seiner ehemaligen Weggefährten verkörperte er das Gewissen der Zeit. Als „magister linguae“, als Meister der deutschen Sprache, genoss er in der Kollegenschaft wie auch im Chor der badischen Leser hohes Ansehen.

Den Kronzeugen der deutschen Tragödie des 20. Jahrhunderts zog es, der Querelen mit der Stadt Mannheim überdrüssig, nach Kriegsende über den Rhein. In Ludwigshafen übernahm er für kurze Zeit die Chefredaktion des „General-Anzeiger“ und wechselte nach dessen Einstellung 1950 in die Redaktionsführung der RHEINPFALZ. Es war daher nicht verwunderlich, dass viele Pfälzer Leser nach Mannheim pilgerten, um an der ersten Lesung der Barth-Elegie teilzunehmen. Im überfüllten Forum des Waldkirch-Verlages am Neckarufer, zu dem Lektorin Barbara Waldkirch eingeladen hatte, erwarb sich Dagmar Barth als sachkundige Referentin viel Beifall. Das Leporello eines tragischen und verlogenen Jahrhunderts schien dem zuhörenden Publikum zeitweise den Atem zu nehmen.

Der Chronist Johannes Barth war wie sein Vater Leo in der politischen Redaktion der RHEINPFALZ darauf bedacht, „das Recht und die Freiheit des Geistes und der Kultur zu wahren“. Doch welche Unterschiede in den Zeiten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach der 1933 erfolgten so genannten Machtübernahme durch die Nationalsozialisten geriet Leo Barth immer häufiger und heftiger in Konflikt mit radikalen Genossen, die, gestützt auf das Parteiorgan „Hakenkreuzbanner“, zu Gewaltaktionen aufriefen. Nur Freundeshilfe war es zu verdanken, dass (1934) Leo Barth der Einlieferung in das Konzentrationslager Kislau entging. Ein Jahr später wurde er seiner Berufsstellung enthoben und verklagt. Auch um die Familie zu schützen, entschloss sich der nun Verfolgte, an Reserveübungen der Wehrmacht in der Hoffnung teilzunehmen, als Offizier die zunehmenden parteilichen Anfeindungen besser parieren zu können. Der politische Horizont verdunkelte sich immer mehr. Mit seinem Kollegen Dr. Hermann Hartwig wurde Leo Barth am 9. November 1938 mit dem barbarischen Ereignis der Pogromnacht konfrontiert. Auch Hermann Hartwig zog es später über die Brücke zur Kulturredaktion der RHEINPFALZ.

Das memorierende Buch von Johannes Barth dokumentiert viele Details einer Zeit, die wie ein Tsunami menschlichen Wahns die Welt überfiel und mit der brutalen Vernichtung jüdischer Mitbürger sich selbst ein Kainsmal zufügte. Die Schilderungen des politischen Journalisten und ehemaligen Ressortleiters über den braunen Abgrund sind nicht auf Mannheim beschränkt. Der Autor berichtet auch über das Schicksal des in Ludwigshafen geborenen Rechtsanwalts Edgar Jung, Sekretär des ehemaligen Reichskanzlers Franz von Papen, der in der Nacht zum 1. Juli 1934 von Extremisten kaltblütig erschossen wurde. „Die Mannheimer bürgerliche Presse wusste sehr rasch“, so heißt es in der Buchpassage, „dass Edgar Jungs Vater, ein in Ludwigshafen lebender hoch geachteter Musiklehrer und Kritiker, der in den Gängen des Nationaltheaters wie in der Wandelhalle des Rosengartens mit besonderer Achtung als Kollege begrüßt wurde, die Asche seines Sohnes per Päckchen zugesandt bekommen hatte. Und dies mit der Auflage, kein Sterbenswort darüber zu sprechen...“ Vater Leo Barth ließ damals die Rotation stoppen, um rasch zu kommentieren: „Und gerade die offenkundigen Hintergründe dieser Ermordung gewähren auch einen Blick hinter die Kulissen des NS-Regimes im zweiten Jahr seines Bestehens.“ Die Tragödie nahm ihren bizarren Verlauf.

Leo Barth, der unbeugsame Verfechter der Menschenrechte und Grandseigneur des freien Wortes, verstarb am 24. Oktober 1978, kurz nach seinem 85. Geburtstag im Kreise seiner großen Familie, betrauert von vielen Freunden, vor allem von Lesern seiner unverkennbaren, von humanitärem Geist geprägten Artikel.

Klaus Hofmann


Buchtitel:
[Katalog="266"]Leo Barth - Mannheimer Journalist zwischen den Weltkriegen[/Katalog]

Autor:
[Autor="25"]Johannes Barth[/Autor]




   

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