Die Lage war nicht beherrschbar

Polizei: Einsatzleiter Dieter Schäfer schildert im Buch „Die Gewaltfalle“ die brutalen Ausschreitungen bei dem Kurdenfestival vor einem Jahr – und warum er zurückwich

22.08.13

Er hat geweint - zwei Tage später, bei der Nachbesprechung. "Ein Emotionsschub, urplötzlich und nicht verhinderbar", so Dieter Schäfer. Er schildert ihn ganz offen, denn was er erlebt hat, nennt er "Grenzerfahrungen, die ich keinem wünsche". Als Polizeiführer geriet er mit seinen Einheiten beim Kurdischen Kulturfestival am 8. September 2012 in "Die Gewaltfalle". So nannte er das Buch über den Einsatz, das er heute der Öffentlichkeit vorlegt.

"Wenn der Polizeiführer im Steinhagel nur die Dienstmütze trägt, hat er nichts vom Gewaltvorhaben der Störer gewusst" - das ist sein erster Satz, der zeigt, wie arglos er war. Was er erlebte, sei "Stress wie nie zuvor" gewesen. Nun widmete er sein Buch "allen in Tumultlagen verletzten Kollegen" sowie Einheitsführern, "die solche emotionalen Wellentäler aushalten mussten".

Verbot nicht möglich gewesen

Dann nimmt Schäfer seine Leser mit in die emotionalen Wellentäler - nüchtern, im Stil eines Einsatzberichts verfasst, aber gerade wegen des Verzichts auf irgendwie übertrieben-reißerische Szenen packend geschrieben, ja betroffen machend.

Zunächst schildert er die Einsatzplanung. "Konkrete Gefährdungshinweise lagen nicht vor", betont er. Da das Festival 19 Mal in anderen Städten weitgehend ohne Probleme stattgefunden habe, sei ein "gerichtsfestes" Verbot nicht möglich gewesen, zumal eine Absage "ausgerechnet durch das bekennend multikulturelle Mannheim hätte leicht als Diskriminierung aufgefasst werden können". Also rechnete man mit dem, was es immer gab - "mit kalkulierbaren Störpotenzialen" und den üblichen Verstößen, sprich dem Zeigen verbotener Symbole. Aber die Verfahren stelle ja die Staatsanwaltschaft ohnehin meist ein, so Schäfer resignierend. Daher entschied er sich zu einer defensiven Taktik.

Aber schon beim "Langen Marsch der Kurdischen Jugend" von Straßburg zum Mannheimer Festival gibt es Ausschreitungen. Ein Festgenommener zerreißt eine Plastikfessel, ein Beamter erleidet einen leichten Herzinfarkt, in einem Fahrzeug liegen Granitsteine als Wurfgeschosse. Und ihm schlägt "hasserfüllte Empörung" entgegen, schreibt Schäfer, wenn er Fahnen mit nach deutschem Recht verbotenen Bildern oder PKK-Symbolen kassiert.

Obwohl Schäfer den Marsch nach mehreren Zwischenfällen untersagt, formieren sich die Kurden immer wieder. Schon da staue sich "bei jedem rechtstreuen Polizeibeamten Frustration auf", schreibt er. "Man muss es erlebt haben, um zu verstehen, dass bei dermaßen fanatisch von ihrer Sache überzeugten Demonstrationsteilnehmern das Einfordern der Einhaltung von Auflagen nur bei unbeachtlichen, sie nicht in ihrem politischen Fanatismus einschränkenden Maßnahmen, möglich ist", macht Schäfer klar. Es sei "nicht möglich, kurdischen Funktionären zu vermitteln, dass deutsches Recht und darauf basierende Anordnungen nicht verhandelbar sind". Die Wegnahme von Fahnen durch die Polizei werde als ehrenrührig empfunden. Hiermit erklärt er zugleich, warum es beim Festival zur Eskalation kommt. Da der Veranstalter viel zu wenig Ordner einsetzt, werden verbotene Fahnen aufs Maimarktgelände geschleust. Als ein Ordner einem 14-jährigen Kurden doch eine verbotene Fahne abnehmen will und die Polizei um Hilfe bittet, passiert es - ein Beamter erhält einen Kick-Box-Tritt, die Gewalt explodiert.

Hassgesteuert

Vorher war alles friedlich geblieben, Schäfer hatte einige Beamte mit besonders langer Anfahrt nach Hause geschickt. Nun fliegen nicht nur Steine, sondern Dachziegel, Absperrgitter, Flaschen: "Die Lage war in diesem Augenblick nicht mehr beherrschbar. Die aufgebrachten, zu einem Mob zusammengerotteten kurdischen Gewalttäter schrien und skandierten bedrohlich. Bildhaft gesprochen drohte die Gewaltwelle die schwachen Polizeikräfte vor Ort zu überrollen wie ein Tsunami."

Zwei weitere Gewaltwellen folgen, sogar ein sechs Kilo schwerer Zementfuß wird geworfen. "Einzelne Kollegen mussten aus einer schwerwiegenden Gefahr gerettet werden. Die Gewaltexplosion war jeweils kurz, heftig und zum Teil hassgesteuert", schildert Schäfer. "Kontrolliertes polizeiliches Vorgehen" sei "unmöglich" gewesen, weshalb er den Rückzug befohlen habe, statt die Straftäter zu suchen und fassen. Offensives Vorgehen aber hätte "eine Katastrophe ausgelöst", ist sich Schäfer sicher, so aber habe er später viel Sympathie und Verständnis erlebt. "So hat sich der vordergründig negative Eindruck einer Niederlage für den Rechtsstaat deutlich ins Positive gewandelt".

Bilder: Steine, Flaschen, Stangen, Ziegel: Alles wurde geworfen beim Kurdenfestival im September 2012 vor dem Maimarktgelände, 73 Beamte trotz ihrer Schutzausrüstung verletzt.



Dieter Schäfer

Polizeidirektor Dieter Schäfer ist 55 Jahre alt.

Seit 1994 arbeitet er beim Polizeipräsidium Mannheim, seit 2000 als Leiter der Abteilung Zentrale Dienste (Verkehrspolizei, Reiter, Hunde, Einsatzzug).

Er hat schon 38 polizeiliche Großeinsätze geleitet, aber nach dem Kurdenfestival sagte er: "Die Geschehnisse haben mich verändert". pwr


Zum Originalbericht:
© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 22.08.2013



   

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