Rezession Die Gewaltfalle von Prof. Dr. jur. Dieter Müller

Polizeinachrichten, 25.11.2013

25.11.13

Der Autor dieses neu erschienenen Sachbuches ist von Beruf Polizeibeamter. Er nimmt ein in seiner beruflichen Biographie herausragendes Ereignis zum Anlass, der interessierten Öffentlichkeit einen Dokumentarbericht zur Bewältigung und Aufarbeitung der gegen die Polizei stattgefundenen Gewaltexzesse beim Kurdischen Kulturfestival in Mannheim zu präsentieren. Um ein Ergebnis dieser Rezension bereits vorweg zu nehmen: Sein Buch ist vor allem eines, nämlich ein authentisches Dokument der Zeitgeschichte.

Liest man das Vorwort, so teilt der Autor dem Leser seine Beweggründe mit, die in erster Linie dem Wissens- und Erfahrungstransfer dienen sollen. Daneben möchte er aber auch das Ziel erreichen, die „Gewalt gegen Polizeibeamte öffentlich zu ächten“, indem Verständnis für die Aufgaben der polizeilichen Einsatzbewältigung und die Einsatznachbereitung geweckt wird. Damit schlägt der Autor einen großen Bogen, indem sich sein Werk gleichzeitig an Polizeibeamte und an interessierte Bürger richtet. Es wird zu prüfen sein, ob er seine Ziele mit den Inhalten seines Buches erreicht werden können.

Um das Buch bewerten zu können, ist zunächst ein kurzer Blick zurück in die Zeit der Ereignisse erforderlich, die den Kerngegenstand des Buches ausmachen. Im September 2012 war von der Föderation kurdischer Vereine in Deutschland (YEK KOM e.V.) ein friedliches Kulturfest mit ca. 40.000 Besuchern auf dem Maimarktgelände in Mannheim geplant. Dieses Treffen eskalierte jedoch nach dem Beginn der Veranstaltung in einem mehrstufigen Gewaltexzess, in dessen Folge 73 Polizeibeamte und mehr als 400 Teilnehmer der Veranstaltung verletzt wurden, viele davon schwer.

Der Autor schreibt seinen in 11 Kapitel aufgeteilten Bericht aus seiner damaligen Position als Einsatzleiter der Polizei. Er unternimmt dabei den gewagten Versuch, seine Leser auf eine Informations- und Erkenntnistour mitzunehmen, die subjektiv-authentische Einblicke in den polizeilichen Einsatzalltag gestattet.

Das erste Kapitel leitet der Autor betont sachlich ein wie es ihm überhaupt ein Anliegen ist, in seinem gesamten Buch einen sachlichen Schreib- und Erzählstil umzusetzen. Dieser sachliche Stil wird unterstützt durch hilfreiche Bebilderung mit Landkarten und Landschaftsaufnahmen (z. B. Maimarktgelände auf S. 23) der relevanten Örtlichkeiten, ohne deren Kenntnis der Leser sich im wahrsten Sinne des Wortes kein vollständiges Bild machen könnte.

Darüber hinaus gewährt der Autor in seinem Buch bewegende Einblicke in das Empfinden und die Stressbelastungen der Polizeibeamtinnen und – beamten, die verschiedenen Gewaltwellen ausgesetzt waren. Dies beginnt bei seiner eigenen Darstellung der mehr im menschlichen Sinne, denn juristisch schwierigen Rolle als Verhandlungsführer gegenüber kurdischen Funktionären (S. 36 f.).

Das Werk schildert auch eindringlich und praxisnah die juristischen Probleme um die Anwendung des in starre juristische Formen gepressten Versammlungsrechts auf tatsächlich aus dem Ruder laufende Versammlungen. Der Autor scheut sich dabei nicht, aus guten sachlichen Gründen die damaligen Entscheidungen der zuständigen Versammlungsbehörde, der Stadt Kehl, anzugreifen und weist zu Recht darauf hin, dass eine konsequente Anwendung einer frühzeitigen Auflösung des Aufzugs die weiteren nachfolgenden Straftaten und Körperverletzungen hätte verhindern können (S. 46 f.).

Im Folgenden benutzt der Autor zunehmend mehr polizeiliche Fachbegriffe wie z. B. „BeDo-Trupp“ (S. 54) oder „EHu-Kräfte“ (S. 70), die seinen Lesern außerhalb des Polizeibereiches nicht geläufig sein können und deren Lesefluss zumindest stören. Hier vermisst der Leser ein Stichwortverzeichnis und ein Glossar der Fachbegriffe, die den Verständniswert des Buches deutlich hätten fördern können.

Wirklich spannend für die in erster Linie wohl polizeilichen Leser wird das Buch ab seinem fünften Kapitel, wenn die drei Gewaltwellen vom Autor nachdrücklich, weil aus erster Hand beschrieben werden (S. 68 ff.). Einen großen Gewinn für den Leser des Buches stellt die schonungslose Analyse der polizeilichen Arbeitsschritte dar. Der Grundfehler, so die erste Kritik des Autors, lag in einer unzureichenden Lagebeurteilung wegen fehlender geeigneter Instrumente (S. 87), zu denen interne Mängel in der Kommunikation hinzutraten (S. 88). Auf der anderen Seite spart der Autor nicht mit berechtigtem Lob für gute Polizeiarbeit, wenn er z. B. die Verdienste der polizeilichen Beweissicherung und Dokumentation ausführlich würdigt (S. 89 f.).

Ein eigenes Thema des Buches widmet sich der Bewertung der verschiedenen Ursachen und Beweggründe für die verschiedenen Gewaltausbrüche (S. 90 ff.). In diesem Zusammenhang erläutert der Autor auch, warum er sein Buch „Die Gewaltfalle“ betitelt hat, die sich relativ einfach aus einer unvorbereiteten Konfrontation mit Gewalthandlungen von Störern erklären lässt (S. 92).

Ein persönlich sehr tief und nahe gehender Aspekt seines Buches gelingt dem Autor bei seiner Beschreibung der Nachbearbeitung des Einsatzes, indem er sich mit einem persönlichen Schreiben an „seine“ Einsatzkräfte wandte (S. 100). Der Wortlaut dürfte jedoch nur von Polizeibeamten vollends inhaltlich verstanden werden, die sich bereits in ähnlichen Einsatzsituationen befunden haben. Lesern außerhalb des Polizeibereiches mögen die Formulierungen des Polizeiführers und Autors dazu dienlich sein, sich in die Lage handelnder Polizeibeamter vielleicht etwas besser hineinversetzen zu können.

Fachlich wertvoll sind auch die Einblicke in den ministeriellen Abschlussbericht sowie das persönliche Fazit des Autors (S. 160 ff.).

Insgesamt darf man dem Autor trotz seines direkten Involviert-Seins eine ausgewogene Darstellung des gesamten Veranstaltungsablaufes und dessen Nach- bzw. Aufarbeitung bescheinigen. Das Buch eignet sich hervorragend für Aus- und Fortbildungszwecke als probate Lehrunterlage für das Studienfach Einsatzlehre sowie für das Versammlungsrecht. Auch erfahrene Polizeibeamte, ja sogar Dozenten an Polizeifachhochschulen und Fortbildungseinrichtungen können aus den Erkenntnissen des Autors Honig saugen, indem sie von dessen Erfahrungen für ihre eigene Einsatzvorbereitung profitieren können. Das Buch sollte zudem aufgrund seiner wichtigen Erkenntnisse für den Einsatzalltag Pflichtlektüre sämtlicher Einsatzbeamter in geschlossenen Polizeieinheiten der Länderpolizeien und der Bundespolizei werden.

Ein sehr lobenswerter und nicht unerwähnt bleibender Ansatz von Autor und Verlag ist es, dass Teile des Verkaufserlöses als Spenden an Polizeistiftungen für im Dienst verletzte Polizeibeamte verwendet werden.

Prof. Dr. jur. Dieter Müller, Bautzen


Die Gewaltfalle, von Dieter Schäfer,
Verlag Waldkirch,
176 Seiten, 38 SW-Fotos

ISBN 978-3-86476-034-1 für 11,00 Euro,
ISBN EPUB 978-3-86476-610-7 für 8,99 Euro,
ISBN PDF 978-3-86476-611-4 für 8,99 Euro



   

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