Lesung der Räuber 77

Humorvoll in den Herbst

24.09.09

Lesung - Die Räuber 77
Humorvoll in den Herbst -

Schreibende lasen Texte und luden zum anschließenden Gespräch mit Wein und kleinen Schmankerln.

In der
Verlagsbuchhandlung Waldkirch
Hauptstr. 71 - 68259 Mannheim-Feudenheim
Tel.: 0621-7900161
buchhandlung@waldkirch.de


Texte der Lesenden:

Helmut Orpel:
La playa de otoño - Herbststrand
http://verlag-waldkirch.de/pdf/La_playa_Internetfassung.pdf


herbstfröhlichkeit

tanzt doch umher
fallende blätter im arm

gebt euch hinein
in euer vergehen

torkelt fröhlich
durch vorüberfliegende zeit

wenn schwarzer boden
alle helligkeit verschlingt

in einer welt
ungelöster rätsel

kurt thöt
november 2006



SOMMERWEHEN

Unter dem Rosenbogen am Fachwerkhaus sitzend, dort wo früher der hohe Birnenbaum stand, streichelte mich neulich ein sanftes Frühsommerwehen. Behutsam weckte es die alte Sehnsucht nach August, Ferienzeit, Erntezeit auch, Sommer und Sonne, Ferien in Blasheim.

Meine letzten Ferien im Omihaus kamen mir in den Sinn, in Zukunft nur noch Urlaub vom Arbeiten, weil die Schulzeit vorbei. Gefreut habe ich mich auf die Wochen mit Anne: gemeinsames Schwimmen im Kanal, aalen auf der Decke am Ufer, Saft und kalte Pfannkuchen im Gepäck, unendliche Geschichten zum Austauschen. Mit den Rädern sind wir unterwegs durch die Gassen, die das reifende Korn den Fuhrwerken lässt. Wir sausen die kurzen Hügel hinab, lachend, freihändig, die Füße in die Luft gestreckt.

Dann kommt Lutz, Annes Bruder. Nichts scheint sich zu ändern. Schon oft verbrachten wir Ferientage zu dritt. Wir genießen die Freiheit gemeinsam wie zuvor, zunächst. Doch langsam fällt es mir auf: Lutz wartet auf mich an der Ecke der Korngasse. Er sucht meine Hand, zieht mich die Hügel hinauf, gibt mir zum Abwärts einen zusätzlichen Schwung. Die Hälfte seines Kuchens schenkt er mir, teilt seinen Saft, berührt meine Haut. Sanft wie das warme Sommerwehen spüre ich sein Werben und fühle mich wohl. Die Tage vergehen. Er bleibt Annes Bruder. Schon bald wieder Schule.

Wir tauschen sparsam Nachrichten: hin und wieder ein schriftlicher Gruß, Telefonate sind teuer. Wir vereinbaren ein Treffen im Herbst, zur Zeit des „Blasheimer Marktes".

Und wieder das sanfte warme Sommerwehen-Gefühl, das meiner Seele wohl
tut. Wenige Tage nur dauern diese Ferien, bleiben dem Wehen zum Wachsen. Ein kräftiger Wind spielt nun über den Stoppelfeldern, bietet kräftigen Widerstand den Radlern, lässt Röcke flattern, zerzaust die Frisur. Mit geröteten Wangen erscheinen wir zu eiligen Mahlzeiten im Fachwerkhaus, jede Minute der verbleibenden Tage genießend.

Endlich ist Samstag, Höhepunkt der Markttage für die Jugend. Kettenkarus¬sell, Achterbahn, Riesenrad, Autoskooter und Geisterbahn. Dazu der Duft frisch gerösteter Mandeln, Riesenbratwurst und Tanzboden mit Musikkapelle. Eine kleine Gruppe sind wir, kennen uns seit Kindertagen, ausgelassen genießen wir den gemeinsamen Abend.

Lutz, der Bruder von Anne: liebevoll legt er den Arm um meine Schulter, beschützt mich beim Tanz vor aufdringlichen Bauernburschen, denen das ungewohnte Bier zu Kopf gestiegen. Wir knabbern die Mandeln aus der gemeinsamen Tüte, treffen uns bei der Bratwurst prustend in der Mitte, trinken aus derselben Flasche. Lutz ist der Bruder von Anne. Anne ist zu Hause geblieben. Sind wir ein Paar?

Ein kleines Fahrwerk gibt es, das einen Kranz von geschlossenen Kabinen langsam in die Höhe schiebt, bis die Fahrenden kopfüber durch die Luft sausen. Lautes Lachen und Kreischen begleitet den Spaß. „Komm, das fahren wir." Mich meint Lutz und zieht mich zur Kasse. „Ich kann nicht, habe Bratwurst im Magen, muss mich bestimmt übergeben." Und leise ergänze ich: „Ich habe furchtbare Angst vor dem Kopfüber." „Komm", fordert die Stimme neben mir. „Ich passe auf Dich auf. Es wird nichts passieren. Komm."

Wir besteigen die enge Kabine, ich vorne, Lutz hinter mir. Das Gitter über uns wird geschlossen. Die Fahrt beginnt. Ich spüre Lutz` Atem an meinem Ohr, höre die leisen beruhigenden Worte, fühle seine Hände auf meinen Schultern. Das Tempo wird schneller, wir schrauben uns langsam hinauf, erreichen die totale Senkrechte. Einen kurzen Moment glaube ich zu fallen, kopfüber in den Käfig. Dann spüre ich die Fliehkraft. Zusätzlich umfassen mich nun zweistarke Arme, halten mich fest und beruhigende Worte, geflüstert, erreichen mein Ohr. Ich fühle mich fliegend gehalten.

Am Sonntag trennen sich unsere Wege. Ich fahre nach Hause in die Endphase meiner Schulzeit. Wir tauschen sparsam Nachrichten: hin und wieder ein schriftlicher Gruß, Telefonate sind teuer. An meinem letzten Schultag erwartet mich zu Hause ein Strauß roter Rosen.
Wir haben uns nie mehr gesehen.


Aus dem Buch "Mein Blasheim"
von Elisabeth Hildebrandt




   









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