Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Barbara Waldkirch, IHK-Vizepräsidentin und Sprecherin des Arbeitskreises Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Initiative Zukunft Rhein-Neckar-Dreieck für den Rhein-Neckar-Kreis

24.05.05

Der Familienatlas stuft die Quadratestadt als "biografische Durchlaufstation" ein

Geographisch gesehen liegt Mannheim in Südwestdeutschland, irgendwo zwischen dem 49. und dem 50. Breitengrad. Auf der familienpolitischen Landkarte liegt Mannheim eher bei Städten wie München, Düsseldorf, Aachen oder Hannover. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat die Quadratestadt ebenso wie Heidelberg, Worms und Frankenthal in die Gruppe der Singlestädte eingeordnet - biografische Durchlaufstationen, in denen man seine Ausbildung abschließt, aber keine Familie gründet.

In acht Gruppen teilt der "Familienatlas 2005" die 439 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland ein, die hinsichtlich ihrer Familienfreundlichkeit untersucht wurden. Die Prognos AG, die den Atlas im Auftrag des Ministeriums erstellt hat, hat dabei fünf Schwerpunktbereiche berücksichtigt. Im Bereich "Demografie" bezieht die Analyse zum Beispiel die Geburtenrate, die Zu- und Abwanderung von Familienhaushalten und den Bevölkerungsanteil von Kindern und Jugendlichen mit ein. Denn: Wo bereits viele Familien wohnen, zieht es meist noch weitere hin.

Unter dem Schwerpunkt "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" wurden die Regionen in Hinblick auf die Teilzeitquote und den Beschäftigtenanteil von Frauen verglichen. Damit sollen Aussagen darüber getroffen werden, wie leicht es Frauen gemacht wird, nach der Erziehungszeit wieder in den Beruf einzusteigen. Weitere Vergleichskategorien waren das Angebot an Betreuungsmaßnahmen n für Kinder, Bildung und Arbeitsmarkt (Schulabbrecherquote, Arbeitslosenquote, Ausbildungsplatzangebot) sowie Sicherheit und Wohlstand (Kriminalität, Anteil der Kinder und Jugendlichen in Sozialhilfe).

Die Region schneidet im Familienatlas unterschiedlich ab: So wird der Rhein-Neckar-Kreis den klassischen Mittelstandsregionen zugeordnet, die vor allem im süddeutschen Raum zu finden sind. Diesen Gebieten diagnostiziert der Familienatlas eine sehr gute Bildungs- und Arbeitsmarktsituation. Auch in den Bereichen Sicherheit und Wohlstand stehen die Mittelstandsregionen gut da - und sind damit für Familien attraktive Wohnorte.

Gleichzeitig seien Familie und Beruf hier aber nur schwer vereinbar - unter anderem wegen einer noch vorherrschenden traditionellen Rollenverteilung: Er geht arbeiten, sie bleibt bei den Kindern. "Gerade im ländlichen Raum wird die Kleinkinderbetreuung noch von den Müttern und Großmüttern übernommen", bestätigt Barbara Waldkirch, IHK-Vizepräsidentin und Sprecherin des Arbeitskreises Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Initiative "Zukunft Rhein-Neckar-Dreieck" für den Rhein-Neckar-Kreis. Gerade für Kleinkinder bis drei Jahre gebe es kaum Betreuungsmöglichkeiten.

Frauen müssten daher oft lange zu Hause bleiben, was wiederum ihre Chancen auf einen Wiedereinstieg in den Beruf schmälere. Die große Aufgabe der Gemeinden sei es daher, das Angebot an Krippenplätzen, die nahe am Arbeitsplatz sind, zu vergrößern. "Die Kommunen müssen hier zusammenarbeiten, weil viele Mütter einen Betreuungsplatz nicht in dem Ort brauchen, in dem sie wohnen, sondern dort wo sie arbeiten", sagt Waldkirch. Gerade in ländlichen Bereichen der klassischen Mittelstandsregionen, da ist sich Waldkirch mit dem Familienatlas einig, sei die Notwendigkeit einer familienfreundlichen Standortpolitik noch nicht überall in den Köpfen angekommen.

Besser sieht es in den bereits erwähnten Singlestädten Mannheim und Heidelberg aus. Was flexible Arbeitszeitmodelle und die Erwerbstätigkeit von Frauen angeht, steht diese Kategorie besser da als die Mittelstandsregionen und auch das Betreuungsangebot ist in der Regel größer. Beispiel Heidelberg: 2004/2005 konnten dort 15,5 Prozent aller Kinder unter drei Jahren betreut werden, landesweit sind es nur 2,3 Prozent. "Heidelberg ist da wirklich vorbildlich", bestätigt Waldkirch.

Auch Mannheim ist nach Ansicht der IHK-Vizepräsidentin auf einem guten Weg, hier müsse aber noch nachgebessert werden. "Derzeit fehlen rund 700 Krippenplätze", sagt Waldkirch. Auf ein umfassendes Betreuungsangebot in der Quadratestadt seien schließlich nicht nur die Mannheimer, sondern auch die zahlreichen Pendler angewiesen, die von außerhalb kommen.

Auffällig in der Kategorie der Singlestädte ist, dass trotz der relativ guten Möglichkeiten, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, Familien mit Kindern in der Minderheit bleiben. Die Geburtenraten sind vergleichsweise gering, gleichzeitig wandern mehr Familien ab als zu. Verantwortlich hierfür sind laut Familienatlas neben einem hohen Studierendenanteil der Mangel an günstigem Wohnraum, höhere Kriminalitätsraten und der städtische Lebensstil im Allgemeinen.

Allerdings, so glaubt Waldkirch, ist hier das Image der Städte oft schlechter als ihr tatsächliches Angebot. "Familien mit Kindern können in Mannheim zum Beispiel sehr gut leben", ist sie überzeugt. Der Arbeitskreis "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" plant deshalb auch eine Broschüre, in der unter anderem Freizeitangebote für Eltern und Kinder zusammengefasst werden sollen - angefangen vom pädagogischen Programm in Museen über das Planetarium bis hin zur Luisenstadt. Nicht so einfach zu lösen ist in Waldkirchs Augen dagegen das Wohnraumproblem: Eigentlich müssten die Städte Familien günstigen Baugrund anbieten. "Dafür haben die Kommunen aber meist wenig Spielraum", gibt sie zu bedenken.

Gut wohnen und leben lässt es sich in der Region laut Familienatlas übrigens im Rhein-Pfalz-Kreis, dem Kreis Bergstraße und in Bad Dürkheim. Ludwigshafen hat als "Stadt im Strukturwandel" in punkto Familienfreundlichkeit einen großen Nachbesserungsbedarf.

Mannheimer Morgen
24. Mai 2005

   

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