Kommunen, Wirtschaft und Verbände gründen in der Region Lokale Bündnisse für Familie

Bundesfamilienministerin Renate Schmidt und Barbara Waldkirch, Vize-Präsidenten der IHK Rhein-Neckar

24.05.05

Seit Monaten tourt Bundesfamilienministerin Renate Schmidt tausende von Kilometern durch Deutschland. In jedem Winkel der Republik zwischen Flensburg und Freiburg weiht die SPD-Politikerin "Lokale Bündnisse für Familie" ein, die sich ihr Ministerium ausgedacht hat. Vor Ort sollen sich Kommunen, Unternehmen, Kirchen und andere Initiativen zusammenschließen, um mit Hilfe aus Berlin bessere Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schaffen. Mehr als 170 solcher Initiativen gibt es bundesweit bereits, etwa in Mannheim und Heidelberg. Anfang Mai gründete sich auch in Weinheim ein "Lokales Bündnis für Familie".

Bislang gehören ihm die Initiatoren an, die Vereinigung Weinheimer Unternehmer (VWU) und die Stadt. Weitere Partner sollen in den nächsten Monaten gewonnen werden. Ihr Ziel ist klar: Das Bündnis will aus Weinheim eine familienfreundlichere Stadt machen. Doch der Weg dahin ist weit. Erfolg und Misserfolg der Bündnisse hängen wesentlich vom ehrenamtlichen Engagement der Partner ab. Das Geld ist knapp. Die Bundesregierung hat zwar ein Servicebüro aufgebaut, das den lokalen Initiativen Hilfe und Tipps für die Arbeit gibt. Finanzielle Unterstützung ist aus Berlin aber nicht zu erwarten.

Guter Wille ist vor Ort zur Genüge vorhanden - doch das fehlende Geld setzt ihm schnell enge Grenzen. VWU-Chef Peter Schuster, selbst Vater von drei Kindern, schlug dem Weinheimer Oberbürgermeister Heiner Bernhard (SPD) Anfang Mai öffentlich vor, in einem Testkindergarten erweiterte Öffnungszeiten auszuprobieren. Von 7.30 bis 18 Uhr sollen dort die Kinder in Obhut genommen werden, damit die Eltern mehr Freiräume für den Job haben. Auch das Aufnahmealter soll von drei auf zwei Jahre gesenkt werden, um Müttern und Vätern den Wiedereinstieg in den Beruf früher zu ermöglichen. Die erforderlichen Sach- und Umbaukosten wollten Bürger und Unternehmen aufbringen, sagte Schuster zu. Die Stadt solle "die dafür erforderlichen, begrenzten Personalkosten" übernehmen.

Für den Vorschlag erhielt Schuster kräftigen Applaus. Doch Oberbürgermeister Bernhard reagierte reserviert - nicht weil er die Idee für schlecht hält, sondern weil sich die Kommunen in einer desolaten Haushaltslage befinden. Schon lange können sie kaum noch das umsetzen, was sie wünschen, sondern nur das, was finanziell möglich ist. Das gilt auch für die Kinderbetreuung. "Die Lösung darf nicht sein, dass der Staat zahlt und alle froh sind", sagt Bernhard. Dennoch will die Stadt mit der Wirtschaft über die Ausdehnung der Betreuungszeiten verhandeln.

Auch beim zweiten Vorschlag von VWU-Chef Schuster ist offen, wer ihn finanzieren soll - eine Sport- und Spielmeile in der Stadt. Das Weinheimer Bündnis hat sich deswegen für die nächsten Monate bescheidenere Ziele gesetzt: Die Öffentlichkeit soll für das Thema sensibilisiert und der Status Quo der Kinderbetreuung in Weinheim ermittelt werden. Zudem will man einen "kreativen Dialog unter den Bündnispartnern" pflegen. Geplant ist auch eine zentrale Anlaufstelle im Rathaus. Oberbürgermeister Bernhard sieht seine Aufgabe vor allem als Werber für mehr Kinderfreundlichkeit. Er wolle "die Leute packen und ihnen sagen: Das ist wichtig für uns."

Auch andere Initiativen in der Region planen erst einmal kleinere Schritte. In Mannheim hat der Gemeinderat ein "Bündnis für Familie" ins Leben gerufen, dem außer der Stadt unter anderem mehrere Wohlfahrtsorganisationen wie Diakonisches Werk und Caritasverband sowie IHK Rhein-Neckar und Handwerkskammer angehören. "Der Grundgedanke des Bündnisses ist, dass sich in einem Zusammenschluss vieler lokaler Partner aus allen gesellschaftlichen Bereichen eine schlagkräftige Lobby bildet", sagt Bürgermeisterin Mechthild Fürst-Diery. Allerdings gönnt die Stadt dem Bündnis gerade einmal eine halbe Stelle, die jüngst zudem längere Zeit unbesetzt war.

Unter Führung der IHK soll im Juni ein "Lokales Bündnis für Familie Rhein-Neckar" gegründet werden, das aus dem seit drei Jahren bestehenden Arbeitskreis Vereinbarkeit Familie und Beruf hervorgehen soll. Es will die bereits bestehende Internet-Datenbank ausbauen, auf der Eltern Informationen über Kinderbetreuung in der Region erhalten. Eine weiteres Hauptaugenmerk wolle die Initiative darauf richten, die Qualifizierung der Tagesmütter zu verbessern, sagt eine IHK-Sprecherin.

Eins ist schon jetzt klar: Bei der Kinderbetreuung wird künftig mehr von den Unternehmen abhängen, denn allein ist der Staat kaum noch in der Lage, für die notwendige Kinderbetreuung zu sorgen. Auch kleinere Mittelständler könnten ihren Beitrag leisten, sagt Barbara Waldkirch, Vize-Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar (IHK), die sich in den Bündnissen engagiert. Sie könnten sich mit anderen Firmen zusammenschließen, um Krippenplätze zu kaufen oder gar eigenen Kindergärten zu gründen. Weitere Maßnahmen, die sie vorschlägt: Flexiblere Arbeitszeiten und Pausen, Sonderurlaub oder Eltern-Kind-Arbeitszimmer.

Immerhin sieht Schuster die Weinheimer Unternehmen auf einem guten Weg. Das habe eine Umfrage unter Firmen ergeben. Demnach nehmen 96 Prozent der Unternehmen bei der Urlaubsregelung Rücksicht auf Familien, 88 Prozent bieten Gleitzeit an, 60 Prozent unbezahlten Sonderurlaub. "Manches ist bereits verwirklicht", lautet Schusters Zwischenfazit. "Vieles bleibt jedoch zu tun."

Mannheimer Morgen
24. Mai 2005

   

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