Blaues Edelweiß

Leseprobe

Blaue Edelweiße

„So viele blaue Edelweiß!“
Er deutet auf den blauen Fleck in der Wiese.
Wir sind am Gotthard.
„So viele blaue Edelweiß! Schau’ doch mal!“
Ich schaue, wie befohlen ...
Es sind Enziane, tiefblaue Enziane.
Ich nicke ihm zu, senke den Kopf und schweige.

Mein Mann war Biologe. Er kannte jede Alpenblume ganz genau.
Er kannte ihre Standorte und Nahrungsbedürfnisse.
Er wusste, dass Edelweiße eine weiße Farbe haben.
Nun ist er dement, Typ Alzheimer.
Er kennt die Blumen nicht mehr beim Namen.
Er kennt die Farben ihrer Blüten nicht mehr.
Wege und Standorte hat er vergessen.
Seine Wahrnehmung hat sich verändert, grundsätzlich verändert.
Er sieht die Welt nun anders.
Seine Farben sind nun seine Farben.
Es sind die Farben aus seiner Welt.

Wenn ich einmal an Alzheimer erkranken sollte, hatte er zu unserer Tochter bei seiner Pensionierung gesagt, wolle er sich umbringen, so wie Gunter Sachs.
Er hat es vergessen.

Zu seiner Welt, in der er jetzt lebt, habe ich keinen Zugang.

Aber ich fühle und erlebe, dass dort alles ein bisschen anders ist als in meiner Welt.
Was er ins Auge zu fassen vermag, was er erkennen kann, was er visuell und inhaltlich begreift, das ist jetzt nur noch ein Mosaiksteinchen dessen, was er früher wusste und konnte.

Dass dies so ist, erlebe ich, wenn ich ab und zu durch eines seiner „Fenster“ schauen darf. Manchmal.

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